Matthias und Annette Wodenegg vom Gasthof Bad Dreikirchen über Freundschaften, Quellreichtum und Kindersegen – und darüber, wie die Gedanken schreibender Gäste in der hauseigenen Bibliothek Herberge finden, wie einst die Pilger.
Historic: "In eurem Haus findet der Gast eine Bibliothek und einen Flügel – eine Symphonie der Ruhe. Fernseher gibt es keinen, dafür Behaglichkeit und ein Miteinander".
Matthias & Annette Wodenegg
Gastgeber im Gasthof Bad Dreikirchen
Matthias: Ohne Fernseher reden Gäste mehr miteinander. Da entstehen Kontakte, Freundschaften – wir haben viele Stammgäste, die sich hier kennen gelernt haben und wieder zusammen buchen.
Welche Art von Behaglichkeit erlebt man im Gasthof Bad Dreikirchen?
Annette: Man ist umgeben von Naturmaterialien – Stein, Holz, Metall, Wolle, Baumwolle. Und von frischem Blumenschmuck, das ist uns ein persönliches Anliegen. Wenn die Natur ins Haus kommt oder wenn Gäste etwas sehen, das ihrem Auge gefällt, entsteht dieses Gefühl der Behaglichkeit.
Matthias: Zwei unserer Gäste gehen gerne barfuß zum Abendessen. Behaglichkeit besteht auch darin, Materialien zu spüren.
Annette: Ich mag diese speckigen Holztische. Sie sind so abgenutzt, dass sie irgendwann eine Glätte kriegen, die mit nichts zu vergleichen ist.
Matthias: Behaglichkeit empfindet aber jeder ein bisschen anders: Manche Gäste finden Holz behaglich, andere möchten lieber weiße Zimmer. Wir achten darauf, nicht zu viel zu versprechen, und verwenden ganz bewusst keine Schlagwörter, denn nicht jeder verbindet damit dasselbe.
Annette: Unsere Zimmer sind einfach und schlicht: alte Möbel, Täfelung, sorgfältig ausgewählte Textilien. Manche finden das nüchtern, andere gemütlich. Beides kann gefallen.
Matthias: Unser Haus ist langsam gewachsen. Gewissen Trends zu widerstehen, ist manchmal nicht leicht – gerade hier in Südtirol. So etwas braucht Standhaftigkeit. Aber auch ein legitimes Zweifeln an sich selbst, um nicht stehenzubleiben.
Annette: Bewährt hat sich bisher, dass wir bei Neuerungen erst einmal auf die Bremse gestiegen sind. Und gleichzeitig aufpassen, dass es nicht zu museal wird. Es muss noch lebbar sein. Man muss die Sachen anfassen und verwenden dürfen, wir dürfen nicht nur Kostbarkeiten horten.
Matthias: Dazu eine Anekdote: Wir haben dieses alte, versilberte Besteck, Hotelsilber. Auf unseren Naturholztischen kommt es besonders schön zur Geltung. Neulich habe ich ein solches einer Dame aus Krumpendorf in Kärnten abgekauft. Sie hatte es 1982 von ihrer Großmutter geerbt, es herrichten lassen – und seitdem nie verwendet. Es blieb im Koffer.
Ort der Behaglichkeit. Gasthof Bad Dreikirchen, Barbian.
Gut, dass der Schatz nun aus dem Koffer und in Verwendung ist. Schade, dass der Gast Geschichten wie diese selten mitbekommt.
Matthias: Soll er auch nicht. Es muss eine Selbstverständlichkeit sein.
Annette: Und erst dann ist es stimmig. Weil jedes dieser Details zum Ganzen beträgt.
Matthias: Aber wenn es nicht mehr wäre, würden die Gäste es sofort merken.
Der Gasthof Bad Dreikirchen steht unter Denkmalschutz. Wie geht man mit einer historisch gewachsenen Struktur um? Erweitert man, baut man zurück?
Matthias: Wir stehen vor Entscheidungen, die eigentlich die nächste Generation betreffen: Wo überhaupt noch vorausgreifen? Unsere Tochter meinte, sie würde eher reduzieren – angesichts des derzeitigen Mitarbeitermangels vernünftig. Wir haben eine überschaubare Größe – und wollen nicht weiter wachsen.
Veränderungen am Äußeren des Hauses sind sowieso kaum möglich, im Inneren haben wir jedoch weitgehend freie Hand. Wenn wir Mauern öffnen, sehen wir, wie einfach früher gebaut wurde. Materialien waren kostbar und schwierig herzubringen, also wurde improvisiert.
Annette: Wir haben hier sogenannte Riedelmauern gefunden: Das sind Strohmatten, dazwischen Mörtel – und Zeitungspapier als Dämm- und Füllmaterial. Unser Haus wurde sparsam gebaut, als Sommerhaus.
Für wen und zu welchem Zwecke?
Annette: Es war eine Herberge. Der älteste Teil ist zusammen mit der zweiten der drei Kirchen entstanden, die dem Ort Dreikirchen den Namen geben. Das war 1315. Anfänglich war auf diesem Höhenweg eine Pilgereinkehr. Es gab einen Stall und eine Scheune. Das Gebiet durchquerte man mit Fuhrwerken und Pferden.
Verbindungswege zwischen Norden und Süden sind hier oben verlaufen, im Tal gab es damals keine Wege.
Man weiß heute auch nicht genau, warum diese drei Kirchen so eng beieinander entstanden sind. Man vermutet, dass hier in vorchristlicher Zeit ein römisches Quellheiligtum war. Wo Quellen waren, wurden in der Antike Götter vermutet. Und an diesem Hang gibt es sehr viele Quellaustritte.
Anfänglich wurde das Heilwasser als Trinkwasser verwendet. Später war hier ein Bauernbadl, von denen es in Südtirol früher viele gab. Die Bauersfrauen haben in diesen Badln zwischen den vielen Schwangerschaften Erholung gesucht – und Gleichgesinnte getroffen.
Um die letzte Jahrhundertwende kam ein vornehmeres Publikum: Der Tourismus hatte begonnen – Reisende auf dem Weg nach Italien.
»Ohne Fernseher reden Gäste mehr miteinander.«
Gasthof Bad Dreikirchen
Auf 1.120 Metern, bei Barbian im Südtiroler Eisacktal, eingebettet in eine noch intakte alpine Landschaft, wie gemacht für eine Sommerfrische am Berg: So präsentiert sich der Gasthof Bad Dreikirchen seit über 200 Jahren seinen Gästen.
»Und gleichzeitig aufpassen, dass es nicht zu museal wird. Es muss noch lebbar sein.«
Wann kam das Haus in euren Besitz?
Matthias: 1811 wurde das Haus von meiner Familie gekauft, dazu gibt es einen Kaufvertrag von meinem Ururgroßvater Ringler. Die Ringler waren Gastwirte in Kollmann, führten den Kreuzwirt, eine Zollstation. Ihre Tochter, Johanna Ringler, meine Urgroßmutter, hat Heinrich Settari geheiratet und sie erwarben den Ringlerschen Besitz. Später hat Settari seiner Frau zu jeder Geburt eines Kindes ein Grundstück geschenkt. Damit hat Johanna ihr Imperium aufgebaut, wozu auch das heutige Briol zählt. Unser Gasthof war das erste, das bereits bestehende Haus von Dreikirchen – alle anderen kamen nach und nach hinzu.
Verkauft wurde uns das Haus ursprünglich für eine halbe (!) Flasche Champagner und ein paar Lebensmittel. Das Haus war damals nicht viel wert.
Aber gutes Wasser war es und ist es noch.
Annette: Gutes Wasser ist wertvoll: Unsere Quelle ist weiter oben im Wald. Dem Wasser schrieb man Heilkräfte bei Frauenleiden und Kinderlosigkeit zu. Die Urgroßmutter meines Mannes war mit ihren 15 Kindern das beste Beispiel für die Wirksamkeit (lacht). Das Quellwasser half angeblich auch bei Hautkrankheiten und Rheuma – damals wurde aber zusätzlich eine schwefelhaltige Quelle hineingeleitet.
Speisen diese Quellen auch heute noch euer Haus?
Annette: Ja, die nicht schwefelhaltige Quelle bedient auch heute noch das gesamte Haus.
Hier scheint vieles im Fluss. Man spürt eine unaufdringliche Form von Gastlichkeit, viel Raum für individuelle Freiheit.
Matthias: Neue Gäste muss man natürlich etwas einführen, bis sie sich zurechtfinden, in den Fluss kommen. Kleine Häuser wie unsere sind meist inhabergeführt.
Annette: Viele Gäste suchen unseren persönlichen Kontakt, Ort und Haus sind stark mit uns verbunden. Aber auch unsere Gäste fühlen sich dem Haus verbunden. Ein Gast hat zum Beispiel einen besonderen Stempel für den Gasthof entwickelt: Zu sehen ist darauf ein Dreieck mit der Inschrift „Dreikirchens Schreibende Gäste“.
Ganz gleich, ob Autoren über Dreikirchen schreiben oder einfach nur hier schreiben – wenn sie Lust haben, ihre Werke in unsere Bibliothek zu stellen und zu kennzeichnen, können sie das mit dem Stempel tun. Die Idee ist, sichtbar zu machen, „welch unterschiedliche Gedanken jene ausbrüten, die dieses Haus zur (inneren) Einkehr aufsuchen.“
Wann und wo kehrt ihr ein?
Matthias: Von November bis April in Bozen. Während dieser Zeit sperren wir den Gasthof zu. Wir haben dann ein gänzlich anderes Leben. Da wir nicht ständig am selben Ort leben, müssen wir uns besonders anstrengen, Kontakte zu Freunden zu pflegen. Zu leicht verliert man über die Sommersaison den Gesprächsfaden im Tal.