Wir sind ein Zusammenschluss ausgezeichneter historischer Hotels und Wirtshäuser in Südtirol. Wir sind Botschafter zeitloser Gastlichkeit.

Gasthof Zum Riesen

Ein Gespräch mit
Alexandra Dell’Agnolo und Markus Pescoller
über »Riesenhafte Ausblicke
und ungeahnte Einsichten –
auf den Spuren der Wirtin Jäklin.«

Tarsch, Vinschgau, Restaurierung, Deckenfresko, Erzählkraft,
Tarscher Wirt, Zum Riesen,
Alexandra Dell’Agnolo und Markus Pescoller

Alexandra Dell’Agnolo (Gastgeberin) und Markus Pescoller (Restaurator) über ungewohnte Blickwinkel und unerwartete Entdeckungen während der Restaurierung des Historischen Gasthofs Zum Riesen in Tarsch – und warum Reinhold Messner am Ende leer ausging.

Historic: Wann beginnt die Geschichte des „Zum Riesen“?

Alexandra Dell’Agnolo
Gastgeberin im Zum Riesen

A: Im 14. Jahrhundert gab es hier eine Wirtin namens Katharina Jäklin. Sie hat Pilger empfangen und bewirtet, die in der Karpophorus-Kirche 50 Meter weiter gebetet haben. Damals war der Tarscher Wirt eine Institution für das Ultental und das Vinschgau. Viele Menschen sind über die Berge aus Ulten hergekommen, um ihre Produkte zu verkaufen oder für Bitt- und Dankeswege.

Sie sprechen vom „Tarscher Wirt“. Ab wann heißt er „Zum Riesen“?

A: Ich meine mich zu erinnern, dass der Name „Zum Riesen“ erstmals um 1970 herum verwendet wurde. Er kommt wohl von der Malerei an der Hausfassade, die um ca. 1720 entstanden ist.
Den alten Namen „Tarscher Wirt“ verwende ich bewusst, damit er nicht verloren geht. Es gibt kaum einen Wirt, der nach einem Ort benannt ist. Der Name zeigt, wie bedeutend dieser Gasthof einmal war.

2016 haben Sie und ihre Schwester, die Architektin Sylvia Dell’Agnolo, beschlossen, dieser Institution mit einem Umbau neues Leben einzuhauchen. Gab es Überraschungen?

A: Markus Pescoller haben wir eigentlich ins Haus geholt, um das barocke Deckengemälde zu untersuchen. Als er da war, hat er in einem Raum nach dem anderen alte Tapetenmalereien hinter der Wandfarbe gefunden, von denen weder ich noch meine Mutter etwas wussten. Das war eine Freude!

Wie kann man sich die Restaurierung eines Hauses wie diesem vorstellen?

Markus Pescoller
Restaurator im Zum Riesen

M: Gerade bei Gebäuden geht es nicht darum, sie zwanghaft in einem Zustand zu erhalten, sondern Veränderung zu begleiten. Denn Gebäude sind schon immer verändert worden. Am Beginn stehen deshalb die Fragen: Was erzählt mir dieses Gebäude? Was davon will ich weitererzählen und warum? Sobald man sich gemeinsam für ein Leitnarrativ entschieden hat, kann man auch bestimmen, wie viel Veränderung dieses Narrativ verträgt, damit es nicht zerstört wird.

Und welches war es im Fall des „Zum Riesen“?

M: Gebäude wie dieses haben nicht dieselbe Erzählkraft wie ein mittelalterliches Kloster oder ein Palazzo in Venedig. Vor dem Umbau hatten wir hier ein Gebäude, das innen wie außen den Eindruck vermittelt hat, es sei aus den 1960er Jahren – obwohl das nicht stimmt und das Haus zumindest in Teilen bereits im 14. Jahrhundert stand. Was also tun?
Wir haben uns für einen sogenannten „restauro stilistico“ entschieden und im Wesentlichen den Zustand aus dem 19. Jahrhundert rekonstruiert – denn der vermittelt am besten die Bedeutung dieses Gebäudes. Dazu gehören auch die älteren Elemente in einzelnen Räumen, zum Beispiel die barocken Malereien und Stuckaturen im Mittelsaal.

Klare Luft vor riesenhafter Bergkulisse. Am Morgen im Gasthof Zum Riesen.

Gasthof Zum Riesen

Die Geschichte des Gasthofs Zum Riesen in Tarsch im Vinschgau haben seit der Wirtin Katharina Jäklin im Jahre 1387 Frauen geprägt.

Zum Riesen

Die Zimmer im oberen Bereich und Teile der Fassade sind dagegen neu und bilden einen spannenden Kontrast. Wurde noch etwas verändert?

M: Interessanterweise gab es im Mittelsaal eine Zwischendecke aus Holz, die aber den Raum so niedrig gemacht hat, dass das Deckenfresko nicht mehr richtig wirken konnte. Bei einer Bauuntersuchung haben wir dann festgestellt, dass diese Zwischendecke ursprünglich ist: Sie war schon da, als die Malerei angebracht wurde. Sylvia Dell’Agnolos Konzept sah vor, diese Decke aufzuschneiden und eine Galerie daraus zu machen. Aus Sicht der konservativen Denkmalpflege ist ein solcher Eingriff falsch, doch die ästhetische Wertigkeit ist heute zweifellos höher: eine Veränderung, die dazu beiträgt, dass das Narrativ des Gebäudes besser gelingt.

Die gegenwärtige Nutzung war hier also wichtiger als Authentizität?

M: Alexandra hat den Anspruch, hier einen Gasthof zu führen: Der muss in einer bestimmten Hinsicht auch praktisch funktionieren. Die Frage lautet: Was bedeutet das Restaurieren konkret für die Ökonomie des Gebäudes? 

A: Für mich war klar: Das Haus muss in die nächste Generation gehen. Denn es hat für uns als Familie einen besonderen Wert, den es bei einem Verkauf sicher nicht erzielen würde. Den Wert hat es nur für uns, weil eben unsere eigene Geschichte drinnen steckt. 

M: So ein Gebäude hat immer auch eine soziale Geschichte, die ganz wesentlich zum Gebäude dazugehört. Für einen Spekulanten spielt das keine Rolle. Doch dieser soziale Aspekt der Denkmalpflege wird oft unterschätzt: Wenn die Familie über die nächsten Generationen hierbleibt, ist das ein ganz hoher Wert für das Gebäude. Es ist eine Form der sozialen Konservierung: Die Geschichte wird in den nächsten Generationen weitererzählt. Das muss man aber auch zulassen können.

Was lässt der Gast zu, der im „Zum Riesen“ wohnt?

A: Ruhe. Es kommen Gäste, die keinen Fernseher brauchen und sich selbst beschäftigen können, mit Büchern oder so. Wer abends anreist wird manchmal von Klaviermusik oder den Klängen eines alten Grammophons empfangen. Kerzen und ein sehr feines Lichtkonzept schaffen eine angenehme Atmosphäre. Die Wirkung des Raumes und des Deckengemäldes werden so nochmal verstärkt. Die Abendstimmung im „Zum Riesen“ hat etwas Magisches.

Viele Gäste sagen, euer Haus sei einzigartig.

A: Das liegt nicht zuletzt an den Einrichtungsgegenständen, die alle aus unserer Familie stammen. Unsere Gäste bekommen jeden Tag ein anderes Frühstücksgeschirr – zumindest wenn sie nicht gar zu lange bleiben. (lacht)
Tischdecken, Vorhänge, Geschirr – meine Vorfahren haben im Laufe der Zeit so einiges angesammelt. Auch meine Mutter hatte daran ihren Anteil: Als Reinhold Messner in den 80ern Schloss Juval bei Naturns gekauft hat, ist er öfter hergekommen. Da war noch alles voll mit Truhen und Schränken und er hat meine Mutter gefragt, ob er nicht das eine oder andere Stück kaufen könnte. Sie hat nur gesagt: „Herr Messner, es ehrt mich sehr, dass sie kommen. Aber geben kann ich ihnen nichts.“ (lacht)

»Dieses Haus hat für uns als Familie einen besonderen Wert, weil unsere eigene Geschichte drinnen steckt.«

Alexandra Dell’Agnolo
Gastgeberin im Zum Riesen
Alexandra Dell'Agnolo
Gastgeber im Zum Riesen

Gasthof Zum Riesen
Karpoforusweg 1
39021 Tarsch im Vinschgau, Südtirol
+39 0473 860818
www.zumriesen.it

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